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Politische Psychologie 
die Verteidigung der Gesellschaft 

Zitate aus der Psychologie der Politik (1911)

1. Deshalb schienen die Erzählungen über die Taten von Herrschern und insbesondere über ihre Schlachten das einzige Interesse der Geschichte zu sein. Alles, was die Existenz von Völkern betraf, wurde bis vor kurzem verachtet oder ignoriert. (S. 6)
2. Das Wissen, wie man Menschen effektiv regiert, also die politische Psychologie, war schon immer ein schwieriges Problem. (S. 7)
3. Die Zeit, in der die Götter die Geschichte lenkten, ist vorbei. Die wohlwollende Vorsehung, die unsere unsicheren Schritte führte und unsere Fehler korrigierte, ist ohne Wiederkehr verschwunden. Sich selbst überlassen, muss der Mensch allein im beängstigenden Chaos der unbekannten Kräfte zurechtkommen. Es ist diese immer größer werdende Herrschaft über die Natur, die das Wort Fortschritt bezeichnet. (S.7)
4. Die politische Psychologie, oder die Wissenschaft des Regierens, ist dermaßen notwendig, weil Staatsmänner nicht ohne sie auskommen: In Ermangelung formulierter Gesetze sind die Impulse des Augenblicks und ein paar sehr summarische traditionelle Regeln ihre einzigen Leitlinien. (S. 10)
5. Allmählich von den Glaubensvorstellungen und sozialen Bindungen der Vergangenheit befreit, erweisen sich die modernen Arbeiter als zunehmend aggressiv und unterdrückerisch und bedrohen die Zivilisationen mit kollektiven Tyranneien, die womöglich den schlimmsten Despoten nachtrauern lassen. Sie sprechen als Herren zu den Gesetzgebern, die ihnen sklavisch schmeicheln und sich jeder ihrer Launen unterwerfen. Das Gewicht der Mehrheit versucht jeden Tag mehr und mehr, die Bedeutung der Intelligenz zu ersetzen. (S. 18)
6. Die antike Welt und die moderne Welt unterscheiden sich grundlegend in ihrem Denken und ihrer Lebensweise. Die neuen Elemente, die uns führen, entstammen weder dem abstrakten Denken, noch schwanken sie mit unseren Hoffnungen oder unseren logischen Vorstellungen. Sie sind das Ergebnis von Notwendigkeiten, denen wir unterliegen, die wir aber nicht selbst erschaffen haben. (S. 18)
7. Die tatsächlichen Kennzeichen dieses Jahrhunderts sind: erstens, die Ersetzung der Macht der Könige und Gesetze durch wirtschaftliche Faktoren. Zweitens, die Verflechtung von Interessen zwischen Völkern, die einst getrennt waren und keine Beziehungen zueinander hatten. (S. 19)
8. Die lateinischen Völker haben sich von dieser Vorstellung [Der Glaube, dass man die Seele eines Volkes verändern kann, indem man seine Institutionen und Gesetze ändert, Anm. d. Ü.] noch nicht befreit, und das macht ihre Schwäche aus. Ihre Illusionen in die Macht der Institutionen haben uns die blutigste Revolution der Geschichte, den gewaltsamen Tod von mehreren Millionen Menschen, die tiefgreifende Dekadenz aller unserer Kolonien und den drohenden Vormarsch des Sozialismus gebracht. (S. 22)
9. Ich werde mich daher darauf beschränken, daran zu erinnern, dass Religionen,Regierungen, politische Handlungen, mit einem Wort alles, was das Gewebe der Existenz eines Volkes ausmacht, niemals auf Gründen beruht. Zu wissen, wie man mit Gefühlen umgeht, um die Meinung zu beeinflussen, ist die wahre Aufgabe von Staatsmännern. Ihr Auftreten spiegelt dabei gelegentlich wider, dass sie oft nach der Logik ihrer Reden handeln würden. Jedoch ist der Mechanismus der Überzeugung, wie wir in diesem Buch sehen werden, ein ganz anderer. Die Menge lässt sich nie von der logischen Kraft einer Rede beeindrucken, sondern von sentimentalen Bildern,die bestimmte Worte und Wortassoziationen hervorrufen. Die mit Hilfe der rationalen Logik aneinander geketteten Sätze dienen nur dazu, sie einzurahmen. Selbst wenn ein rein logischer Diskurs eine Überzeugung hervorbringt, wird diese immer flüchtig sein und niemals ein Handlungsmotiv darstellen. (S. 24)

10. Der Etatismus, dessen natürliche Erweiterung der kollektivistische Sozialismus ist, ist die Staatsreligion der lateinischen Völker, die Einzige, die von allen respektiert wird.
(S. 73)
11. Ein Mensch, der der Initiative und vor allem der Verantwortung verlustig geht, sieht sofort, wie sein intellektueller und produktiver Wert mit enormen Schritten sinkt.
Sozialisten haben allen Grund, dies nicht verstehen zu wollen, denn ab dem Tag, an dem ihnen dieses Naturgesetz klar wird, wird es keinen Sozialismus mehr geben. (S.80)
12. Was wird aus dem alten Europa, das sich unter seinen Milliardenschulden und hohen Steuern krümmt? Es wird vielleicht in Dekadenz verfallen, das endgültige Schicksal aller erschöpften Zivilisationen, und seine Bevölkerung wird nach blutigen Kämpfen,
die sein Ausbrennen vollenden, auf die Zahl schrumpfen, die ein Fortbestehen ermöglichen. (S. 98)
13. Gesetzgeber, Professoren, Gelehrte und Schriftsteller sind einhellig der Meinung,dass unser Bildungssystem verabscheuungswürdig ist und dass die Zeit, die man in der Oberschule und in der Grundschule verbringt, verschwendete Zeit ist. Es ist bekannt, dass ein Mensch, wenn er im Leben Erfolg haben will, sich umerziehen
muss und die zweite Hälfte seines Lebens damit verbringen muss, die in der ersten Hälfte erworbenen Illusionen, Irrtümer und Denkweisen aufzugeben. (S. 101)
14. Zunächst einmal müssen wir festhalten, dass eine Volksregierung niemals die Regierung durch das Volk bedeutet, sondern allein durch seine Anführer. Es ist nicht die Menge, die eine Meinung macht. Sie unterwirft sich vielmehr dieser Meinung und setzt sie dann, wie hypnotisiert, mit Gewalt durch. Das ist der Mechanismus dessen,
was man öffentliche Meinung nennt. (S. 120)
15. Wissen und Überzeugungen sind stark unterschiedlich. Platon hat dies vor einiger Zeit beobachtet und auch darauf hingewiesen, dass sie nicht auf die gleiche Weise aufgebaut sind. Alle Menschen erwerben leicht Überzeugungen. Nur sehr wenige steigen zum Wissen auf. Wissen impliziert Demonstrationen und Schlussfolgerungen.
Überzeugungen erfordern weder das eine noch das andere. (S. 133)
16. Nicht aus dem Rationalen, sondern aus dem Irrationalen sind die großen Ereignisse entstanden. Das Rationale schafft Wissenschaft, das Irrationale führt die Geschichte.
(S. 138)
17. Da der Mensch nur aus Erfahrung lernt, ist es für ihn sinnvoll, von Zeit zu Zeit ähnliche Experimente zu machen, wie ruinös sie auch sein mögen. (S. 147)
18. Erst dann würde den Massen vielleicht auffallen, dass die Natur sich hartnäckig geweigert hat, Menschen gleich zu erschaffen, dass eine Fähigkeit die erste aller Kräfte ist und dass die Größe, die Stärke und der Reichtum eines Landes nur von einer kleinen Elite überlegener Gelehrter, Wissenschaftler, Industrieller, Künstler,Ingenieure, ausgesuchter Arbeiter usw. gebildet wird. Die Massen werden niemals das Kapital stellen, wie so viele schwachsinnige Fanatiker fordern, denn das wahre Kapital ist die Intelligenz. (S. 148)
19. Es sind vor allem die moralischen Kräfte, das einzige wirkliche Gerüst einer Gesellschaft, die jetzt bröckeln. Ein solches Phänomen ist nicht das Werk eines Tages. (S. 154)
20. Aus Parolen und Formeln kommen wir nicht heraus. (S. 155)
21. Das Parlament und die Regierung sind hin- und hergerissen zwischen den Forderungen einer immer herrischer werdenden Demokratie und denen einer Finanzoligarchie, die ihre Interessen und nicht die des Staates verteidigt. So ist das politische Leben ein ständiger Kompromiss zwischen den beiden Mächten des Überbietens und der Korruption: Demagogie oder Geld. (S. 161)

22. Es hat keinen Sinn, sich Vorwürfe zu machen, denn Überbietung, Humanitarismus, Liberalismus und Angst sind zu unseren Führern geworden. Solche Geißeln sind bei Völkern ohne geistige Stabilität, die von Dekadenz bedroht sind, üblich. (S. 163)

23. Massen respektieren nur starke Regierungen. Sie haben, wie ich schon gesagt habe,keine Dankbarkeit für das, was sie allein durch Drohungen erreichen. Verachtung der Schwachen war schon immer ihr Gesetz. (S. 165)
24. Ohne Eliten gäbe es keine Wissenschaft, keine Industrie, keinen materiellen Fortschritt. Ohne sie würde die niedere sozialistische Dekadenz aufblühen, die durch Gleichheit in Elend und Knechtschaft gekennzeichnet ist. (S. 167)
25. Eine solche ständige Schwäche wie die unserer Regierenden kann nicht lange anhalten. Wenn die Anarchie unaufhörlich wächst und die Befürworter der Ordnung immer schwächer werden, ist es die Anarchie, die schließlich triumphiert. (S. 170)
26. In der Politik, wie auch in der Religion, sind vage und ungenaue Formeln sehr nützlich, da jeder sie nach Belieben auslegen kann. (S. 185)
27. Der grundlegende Charakter des Sozialismus ist ein intensiver Hass auf alle Überlegenheiten: Überlegenheit von Talent, Reichtum und Intelligenz. (S. 185)
28. Wenn wir uns also die Jahrhunderte ansehen, stellen wir fest, dass nur die »Ideen«zählen. Sie sind es, für die die Menschen leben. Sie sind es, für die sie sterben. (S.187)
29. Nehmen wir aber an, dass der Sozialismus mit seiner kollektivistischen Verwaltung der Industrie und der Angleichung der Löhne triumphiert. Sofort würden alle intelligenten Menschen wie Wissenschaftler, Künstler, Erfinder, Facharbeiter usw., die ihr Talent nicht mit Lebensmittelmarken entlohnt sehen wollen, in die
Nachbarländer auswandern, die sie mit Begeisterung aufnehmen würden, denn Talent bedeutet Gewinn. Der Sozialismus würde dann nur über eine Gesellschaft
herrschen, die aus Individuen der untersten Mittelmäßigkeit besteht. (S. 190)
30. Der kollektivistische Sozialismus, der irgendwo triumphieren sollte, würde sich nicht sehr lange halten. Er würde bald die befreienden Despoten zurückbringen, die das Volk bejubelt, wie es dies bei allen getan hat, denen Frankreich seit der Revolution
unterlag. In der Zwischenzeit wären die verursachten Verwüstungen schrecklich. Ich bin der Meinung von Laveleye, dass im Gefolge eines siegreichen Sozia-lismus
„unsere großen Städte durch Dynamit und Brand verwüstet werden, und zwar auf eine brutalere und vor allem systematischere Weise als Paris 1871 durch die Kommune.“ (S. 191)
31. Ein wahrer Staatsmann muss es verstehen, alle Überzeugungen zu respektieren und die Menschen mit ihren Ideen zu regieren, nicht mit seinen eigenen Überzeugungen. (S. 193)
32. Aber wenn auch die Hypothesen über den Himmel ungewiss bleiben, so ist doch zumindest sicher, dass der Fortschritt der Zivilisation einzig und allein der Bourgeoisie aller Epochen zu verdanken ist, da sich Künstler, Industrielle,Philosophen und Gelehrte immer und hauptsächlich aus ihr rekrutiert haben. (S. 194)
33. Mit etwas mehr Intelligenz würden diese lärmenden Apostel [gemeint sind die Sozialisten, Anm. d. Ü.] begreifen, dass sie nichts gewinnen, wenn sie die von ihnen verfluchte Regierung ersetzen. Die Überlebenden ihrer Menschenopfer würden am Ende feststellen, dass die Methoden ihrer Regierung nicht sehr vielfältig sind, und würden noch reaktionärer werden als ihre Vorgänger. Das wurde immer beobachtet,wenn die Caesaren kamen, um die Anarchie zu zerschlagen. (S. 194)
34. Wenn ein Land mit Anarchie übersät ist, wenn zu viele Interessen bedroht sind und wenn alles, was man sieht, nutzloses Gerede, falsche Versprechungen und sinnlose
Gesetze sind, wendet sich das Volk instinktiv an einen Diktator, der in der Lage ist,die Ordnung wiederherzustellen und die Arbeit zu schützen. Auf diese Weise sind schon etliche Demokratien untergegangen. (S. 195)

35. Der Aufbau persönlicher Macht ist äußerst kompliziert. Die Schaffung einer anonymen Macht ist im Gegenteil recht einfach. Über Erstere wird diskutiert, man unterliegt Letzterer. (S. 198)
36. Besteht das Ideal der Zivilisation darin, den Arbeiter auf das Niveau eines Gentleman zu heben oder eine künstliche Gesellschaft zu schaffen, die den Gentleman auf das Niveau des Arbeiters herabsetzt? Ich kenne die Antwort der Sozialisten, aber ich kenne auch die Antwort, die der gesunde Menschenverstand diktiert. Wir sollten vage humanitäre Phrasen verachten, die nur von niederem Neid inspiriert sind. Alle unsere
Bemühungen müssen darauf ausgerichtet sein, die Mentalität eines Volkes zu stärken und nicht zu schwächen. Der Fortschritt liegt nicht im Hass der Klassen, wie die Sektierer ständig wiederholen, sondern nur in ihrer Vereinigung. (S. 206)
37. Wie der Meister, so die Fabrik. (S. 212)
38. Eine Zivilisation bedeutet die Beherrschung des Instinktiven durch das Rationale.Eine Revolution und der Zustand der Barbarei, der damit einhergeht, ist die Rache des Instinktiven am Rationalen. (S. 217)
39. Diese [politischen, Anm. d. Ü.] Rivalitäten lassen viele Auseinandersetzungen erahnen. Wir sollten sie nicht zu sehr fürchten, da sie unvermeidlich sind und die Natur noch keinen anderen Weg gefunden hat, um diesen Fortschritt zu realisieren.
Der Kampf, er ist überall. Kämpfe zwischen Tierarten, Kämpfe zwischen Völkern,Kämpfe zwischen Individuen, Kämpfe zwischen den Geschlechtern, Kämpfe zwischen den einzelnen Zellen unseres Organismus. Und gerade diese letzteren sind, obwohl versteckt, die unerbittlichsten. Wir müssen uns also mit all diesen
Kämpfen abfinden, die wir mit unseren Reden nicht verhindern können. Die Welt bewegt sich mit uns oder gegen uns, je nachdem, wie wir uns zu orientieren wissen.Natürliche Notwendigkeiten sind Teil unseres Lebens, und es wäre vergeblich, wenn wir versuchen würden, uns ihnen zu entziehen. Man kann sie verfluchen. Man muss sie aushalten. (S. 219)
40. Nur Katastrophen haben die Kraft, Licht in die Köpfe derer zu bringen, die voller Illusionen sind. (S. 262)
41. Die lateinischen Völker sollten sich besonnen daran erinnern und bedenken, dass es in ihrer Hand liegt, wenn diejenigen Charaktereigenschaften, die die Größe eines
Volkes ausmachen und ohne die keine zivilisierte Gesellschaft bestehen kann, mit jedem Tag weiter abwandern. (S. 286)
42. Verantwortung setzt einen freien Willen voraus. Nun glauben Wissenschaftler und
Philosophen heute kaum noch an diesen freien Willen. Daher wäre das kriminelle Individuum nicht für seine Taten verantwortlich. (S. 290)
43. Humanitäre Menschen sind zwar nur indirekt  aber dafür mit Sicherheit  viel gefährlicher als Banditen. (S. 297)
44. Allein die Erfahrung wird uns über die Folgen unseres Humanitarismus aufklären. (S.300)
45. Wenn die Gefahr zu akut wird und eine ausreichende Anzahl von Philanthropen ausgeweidet wird, wird sich unsere Sentimentalität schnell verflüchtigen. Dann werden wir, wie die Engländer, wirksame Mittel einsetzen, vor allem Körperstrafen.
Wenn die 30.000 Ganoven, die Paris heimsuchen, zu der festen Überzeugung gelangt sind, dass ihnen statt eines Urlaubs in Neukaledonien oder in einem gut geheizten Gefängnis Peitschenhiebe, Zwangsarbeit und die Guillotine drohen,werden sie die Arbeit dem Diebstahl und Mord vorziehen. Innerhalb weniger Wochen
wird Paris von seiner Armee von Banditen befreit sein. Unsere Gesetzgeber werden dann feststellen, dass der Humanitarismus von allen bekannten Formen des Schwachsinns die verhängnisvollste ist, sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft. Er war schon immer ein bedeutender Faktor des Verfalls. (S. 300)

46. Wenn man den Forderungen einiger fanatischer Schreihälse nachkommt, verdient man weder Verzeihung noch Erbarmen. (S. 308)
47. Wann immer in einer Gesellschaft eine Klasse aus irgendeinem Grund ihren Einfluss vergrößert, neigt sie dazu, die Oberhand zu gewinnen und die anderen zu versklaven. (S. 315)
48. Das Ziel des Humanitarismus war ausnahmslos ein blutiges Massensterben. Man muss die Pest fürchten, aber noch viel mehr muss man die Philanthropen fürchten.
Gesellschaften hatten nie schlimmere Feinde. Der Philanthrop ist keineswegs ein Mann des Fortschritts, sondern derjenige, der alle Initiativen zerstört und jeden Fortschritt behindert. (S. 333)
49. Der Terror stellt die Umwandlung niederer Instinkte in Rechte dar. (S. 342)

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